Rollenspiel als Forschungsgegenstand? Ein Interview mit Laura Flöter

Laura Flöter ist eine der Autorinnen, die für unser Roll Inclusive-Projekt eines der Stretch Goals beigesteuert haben. Heute stellen wir sie euch in einem kleinen Interview etwas näher vor.

Hallo Laura, vielen Dank für dieses Interview! Du hast für das Crowdfunding des Essaybandes Roll Inclusive ein Stretch Goal beigesteuert, einen wissenschaftlichen Beitrag zum Thema: “Eine*n Blinde*n spielen, (auch) wenn man sehen kann?”. Wie kamst du darauf, dich mit diesem Thema und Rollenspielforschung allgemein zu beschäftigen?

Liebe Kathrin, ich danke Euch, ich freue mich wirklich sehr über Euer Interesse und die Möglichkeit, meine Arbeit hier zu präsentieren! Als ich das Angebot bekam, einen Beitrag zu ROLL INCLUSIVE zu verfassen, habe ich sofort zugesagt – Rollenspielforschung ist schließlich mein wissenschaftliches Hauptthema!

Auf das Thema kam ich ganz einfach, weil einer meiner eigenen pen-and-paper-Charaktere (infolge eines Fluchs) erblindet ist – ein Mensch, wohlgemerkt; er besitzt also keine zusätzlichen Erfahrungsmöglichkeiten, die dieses Handicap ausgleichen könnten. Das ist realzeitlich inzwischen eine Weile her, aber ich habe mich ausgehend von dieser Veränderung natürlich in die Thematik eingelesen, um eine Vorstellung und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was die Figur durchgemacht hat, wie es sich anfühlen könnte, sie zu sein (bzw. er) und mit dieser Erfahrung zu leben. So bin ich überhaupt auf das Thema “Spielfiguren mit Handicap” aufmerksam geworden, und es hat mich sofort fasziniert. Am Rollenspiel interessiert mich die Psychologie meiner Figur mehr als ihre Fähigkeiten oder ihre materielle Ausstattung. Es war sehr spannend, sich in diese neue Erfahrenswelt einzudenken – und ist es heute noch!

Aus welcher akademischen Disziplin kommst du ursprünglich und wie waren deine Erfahrungen mit diesem Thema an der Universität – wurde dem Thema dort offen oder reserviert begegnet? Wird Rollenspiel als Forschungsgegenstand ernst genommen?

Ich komme aus der Kunstsoziologie – dort erforschen wir die Bedeutung, Funktion, Wirkung, Wechselwirkung etc. von Kunst bzw. kunstverwandten Phänomenen und gesellschaftlichen Fragen. Ich hatte das große Glück, zwei Betreuer*innen für meine Arbeit gewinnen zu können – eine Professorin aus der Literatur- und Medienwissenschaft und einen Professor aus der Kunstwissenschaft. Das kam dem interdisziplinären Anliegen meiner Arbeit sehr zugute! In Kolloquien, auf Kongressen etc. wurde meine Arbeit immer mit Interesse und Offenheit aufgenommen, auch, wenn die akademische Rollenspielforschung wirklich sehr klein ist. Besonders intensiven Austausch habe ich bei der Fantastikforschung gefunden – die ist auch interdisziplinär ausgerichtet und kennt die besonderen Bedingungen dieses Arbeitens sehr gut. Aus diesem Grund bin ich in 2011 der Gesellschaft für Fantastikforschung beigetreten und konnte dort jährlich meine aktuellen Ergebnisse präsentieren und diskutieren. Auch heute bin ich noch regelmäßig auf den Veranstaltungen der Gesellschaft unterwegs und habe mehrere Gleichgesinnte gefunden, mit denen ich über unser “Orchideennischenthema” abnerden kann.

Glaubst du, dass Rollenspiel auf besondere Weise Empathie fördert? Und wenn ja, können dies auch andere Medien in ähnlicher Weise, oder ist das dem Pen & Paper-Rollenspiel einzigartig?

Das glaube ich nicht nur, das weiß ich sogar! Tatsächlich gibt es entsprechende Studien aus der Spieleforschung, die auch auf das fantastische Rollenspiel übertragen werden können. In meiner Dissertation stelle ich diesen Zusammenhang her und belege ihn anhand einer vergleichenden Analyse. Prof. Fritz von der TH Köln hat umfangreich zu diesem Thema geforscht – zwar mit dem Paradigma digitaler Spielwelten, aber dem Untersuchungsgegenstand liegen Mechanismen und Strukturen zugrunde, die denen des fantastischen Rollenspiels vergleichbar sind. In diesem Zusammenhang sind zahlreiche Transferformen in den verschiedensten menschlichen Erfahrungsbereichen nachgewiesen worden. Emotionale Transfers, die der Empathiefähigkeit zuzuordnen wären, gehören auch dazu. Insofern kann das fantastische Rollenspiel im besonderen Maß das empathische Vermögen einer Person fördern – wenn diese sich darauf einlässt. Damit ist dieses Medium aber nicht allein – auch die Literatur-, Film- und Theaterwissenschaften z.B. beschäftigen sich ja mit der Identifikation mit den Protagonist*innen, die die Rezipienten erfahren. Auch auf diese Weise wird das Empathievermögen angesprochen. Anders als andere Medien aber geht es ja im fantastischen Rollenspiel explizit darum, sich in eine Spielfigur einzudenken und diese im Spiel zu führen. Das ist ein strukturelles Merkmal, das das fantastische Rollenspiel explizit auszeichnet.

Besteht beim Spielen eines blinden Charakters durch eine sehende Person die Gefahr, dass diese sich “falsche” Herangehensweisen antrainiert? Oder ist jegliche Form von Auseinandersetzung mit einem Thema außerhalb der eigenen Sphäre erst einmal positiv?

Man muss zunächst einmal berücksichtigen, dass es sich beim fantastischen Rollenspiel um die imaginative Annäherung an eine Lebens- und Erfahrenswelt handelt, die der eigenen kaum vergleichbar ist – das Paradigma des Rollenspiels ist ja, dass man eine Figur verkörpert, die eben eindeutig von der eigenen Persönlichkeit zu unterscheiden ist (Transformationsregel). Die ‘Einfühlung’ in ein fiktionales Alter Ego ist also das Spielprinzip, und weil Menschen soziale Wesen sind, haben wir die besondere Fähigkeit, uns sehr fremde Situationen imaginativ zu erschließen. Ob die Vorstellungen, die wir in diesem Zusammenhang entwickeln, ‘objektiv’ richtig sind, sei zunächst einmal dahingestellt – abgesehen davon, dass es ein objektives ‘Falsch’ und ‘Richtig’ im menschlichen Erleben nicht gibt. Selbst Personen, die an derselben Situation beteiligt waren, schildern, erleben und bewerten diese im Nachgang oft sehr unterschiedlich. Wenn man dem eigenen Spiel aber eine gewisse Recherche zugrundelegt – was man tun KANN, um das Spielerlebnis so plausibel wie möglich zu machen, aber keinesfalls tun MUSS oder SOLL, denn es handelt sich nach wie vor um eine Freizeitgestaltung mit künstlerischem Charakter – dann, glaube ich, kann man schon ziemlich eindrucksvoll nacherleben, wie sich das Denken, Handeln und Empfinden einer z.B. blinden Person anfühlen KÖNNTE. So entsteht zumindest Sensibilität für die Situation von Personen mit anderen Bedürfnissen, als man sie selbst kennt – aufgrund der körperlichen, geistigen, sozialen oder sonstigen Ausstattung. Dass die romantische Idee der blinden Jedi-Meisterin wenig mit unserer Lebensrealität zu tun hat, ist wohl auch ohne große Studien einsichtig – außer, man ist eben eine blinde Jedi-Meisterin 😉

Bei “Roll Inclusive” geht es u.a. auch darum, auf andere Bedürfnisse als die eigenen Rücksicht zu nehmen, so z.B. durch Safety Tools am Spieltisch. Bei der Recherche für dieses Interview sind wir jedoch auf einen Artikel gestoßen, in dem du dich als eine Verfechterin des “Rollenspiel-Rants” äußerst und dafür plädierst, das auch “düstere” Themen für ein “intensives und ‚echtes‘ Spielerlebnis” ausgespielt werden sollten. Wie würdest du diese Gratwanderung zwischen intensivem Spielerlebnis und potenziell triggernden Inhalten gehen?

Hihi, erwischt! Ja, ich bin tatsächlich eine Verfechterin von düsteren Themen im Rollenspiel – nach wie vor. Ich glaube, dass diese Inszenierung von Grenzerfahrungen, und um nichts anderes handelt es sich bei diesen Spielthemen, die ein hohes Potential von Bleed bergen, eine sehr bereichernde Erfahrung sein kann – vorausgesetzt, sie wird unter den richtigen Umständen gemacht. Das bedeutet zunächst, dass die Spielerin, der Spieler ihre und seine persönlichen Grenzen kennt – oder bereit ist, sich vorsichtig an diese heranzuspielen. Dazu gehört auch, dass sie oder er auf diesem Weg von Mitspieler*innen begleitet wird, die zum einen ein ähnliches Spielinteresse haben, zu denen zum anderen aber auch ein Vertrauensverhältnis und eine belastbare Spielbeziehung besteht. “Spiel’s aus, du Sau!” bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die bewusste Wahrnehmung des eigenen Spielverhaltens und die möglichst realistische Einschätzung seiner tatsächlichen Bedeutung in der Spielwelt. Wie schnell kommen einem im Spiel Sätze über die Lippen wie “Ich töte sie/ihn!” oder “Dann müssen wir wohl zu härteren Mitteln greifen!”. Das ist leicht gesagt – als Spieler*in mit Chips und Cola auf der Couch. Auf der Figurenebene aber bedeutet das, dass mein Charakter tötet, foltert, Schmerz und Leid zufügt – und das ist nicht schön anzusehen oder anzuhören. Denn auch NSCs sind, wenn man sie nach denselben Maßstäben bewertet wie die eigene Figur, fiktionale Personen mit Gefühlen, Wünschen, Motiven etc. So gestaltet sich eine komplexe Spielwelt mit viel Tiefe und einer großen Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten. Als Spielleiterin sehe ich meine Mitspieler*innen dementsprechend als mündige Leute, die wissen, was sie tun. Ich würde keine Spielhandlung verbieten – aber ich stelle die Konsequenzen möglichst anschaulich dar, denn das ist, was ihre Figuren wahrnehmen, während sie die Spielhandlungen ausführen. Ich glaube, dass eine derartig anschauliche und ‘realistische’ Spielweise die Empathie für das Gegenüber zum Thema macht – und verdeutlicht, dass alles, was Spieler*in tut, eben auch Auswirkungen hat. Letztlich ist das aber eine Frage der persönlichen Vorlieben und des Spielstils, den man pflegt. In diesem Spektrum muss jede*r Spieler*in und jede Gruppe für sich bestimmen, was gefällt.

Natürlich werden alle Leser*innen hoffnungslos hingerissen sein von “Roll Inclusive”. 😉 Welche weiterführende Lektüre würdest du zum Thema “Rollenspiele wissenschaftlich betrachtet” empfehlen?

Es gibt inzwischen einen kleinen, aber feinen Kanon der akademischen Rollenspielforschung, die sich mit den unterschiedlichsten Aspekten von Rollenspiel auseinandersetzt – Sprachwissenschaft, Kommunikationstheorie, Psychologie oder Soziologie: Viele akademische Disziplinen haben das fantastische Rollenspiel für sich entdeckt. Da dürfte für jeden Geschmack etwas zu finden sein – ob als Forscher*in oder als interessierte*r Leser*in. Und empfehlen würde ich selbstverständlich alles davon 🙂 Wer mehr wissen will, kann ja einmal in meine Arbeit reinlesen: “Der Avatar – die Schatten-Identität: Ästhetische Inszenierung von Identitätsarbeit im phantastischen Rollenspiel”, Tectum 2018. Dort findet sich auch eine umfangreiche Literaturliste und ein Überblick zum Thema Rollenspiel im Spiegel der akademischen Forschung.

Du bist neben Autorin und Fantastikforscherin auch Künstlerin. Gab es schon Überschneidungen zwischen Rollenspiel und Kunst?

Im weitesten Sinne auf jeden Fall. Ich mache Objektcollagen, also relativ plastische Arbeiten aus gebrauchten Gegenständen, verfolge also den Nachhaltigkeits- bzw. Upcycling-Ansatz. In unseren Spielerzählungen tauchen immer wieder einmal Artefakte auf, die eine besondere Rolle innehaben und immer wieder auftauchen – z.B. Schlüssel oder Spiegelscherben. Mit diesen Objekten verbinde ich daher eine ganze Menge, abgesehen davon, dass sie schon an sich sehr reiche literarische Motive darstellen. So finden sich in vielen meiner Bilder also “zufällig” solche Gegenstände – meine Mitspieler*innen erkennen mitunter sogar die Szenen an den Farben und Materialien wieder, die mich inspiriert hat! Aber das bedeutet natürlich nicht, dass meine Bilder nur dann zu erschließen sind, wenn man die Rollenspiel-Geschichten kennt, die ihnen mit zugrunde liegen. Bilder sind eigenständige Objekte, und jede*r Betrachter*in bringt auch seinen eigenen Zugang dazu mit. Und so soll es auch sein 🙂

Welche LARPs und Cons besuchst du regelmäßig, welche Termine gehören fest in deinen Jahreskalender?

Ich bin Stammgast auf der FeenCon und der DreieichCon. Hin und wieder bin ich auch auf der MorpheusCon, der KrähenCon oder auf der RatCon. Und wenn es zeitlich passt, auch auf EinladungsCons und auf kleineren Veranstaltungen wie der Pogo-Con in Pulheim – das Con-Jahr ist fest geplant, und diese Szenetreffen gehören für mich einfach dazu!

Vielen Dank für das Interview! 🙂

Laura Flöter hat Kunst, Literaturwissenschaften und Philosophie in Essen studiert und in 2017 am Institut für Kunst und Kunstwissenschaft über das phantastische Rollenspiel als ästhetische Inszenierung von Identitätsentwicklung promoviert. Ihre Arbeit wurde 2018 mit dem Dissertationspreis der Gesellschaft für Fantastikforschung ausgezeichnet. Seit 2013 lehrt sie Kunst und ästhetische Gestaltung an Schule und Hochschule. Daneben ist sie als freie Künstlerin tätig und arbeitet mit der Autorin Fräulein SpiegeL zusammen. Seit sie sich vor mehr als zehn Jahren mit “RPG” infiziert hat, ist phantastisches Rollenspiel nicht nur ihr Hobby, sondern ihre Philosophie. Seit 2011 ist sie daher auch Mitglied der Gesellschaft für Fantastikforschung – da kann man sich nämlich endlich einmal vernünftig über die Realität unterhalten.

Ihr findet Laura auf ihrer Website unter laurafloeter.de sowie auf Facebook und Instagram.